Ende Jänner 2026 entflammte ein heftiger Schlagabtausch zwischen der FPÖ und dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW). Während die Freiheitlichen der Institution Manipulation vorwerfen, erinnert die Realität in den Gerichtssälen an die tiefe Verwurzelung der Partei in rechtsextremen Milieus.
Der Angriff kam Ende Jänner mit voller Breitseite: In einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Kommunikationswissenschafter Stefan Weber warf FPÖ-Generalsekretär Christian Hafenecker dem DÖW vor, das Ausmaß des Rechtsextremismus in Österreich „manipulativ“ zu überzeichnen. Die Reaktion des Archivs folgte prompt und scharf: Man sprach von Diffamierung, „absurden“ Vorwürfen und dem gezielten Versuch, die rechtsextreme Gefahr kleinzureden.
Einordnung durch die Realität
Die zeitliche Kulisse dieser Attacke hätte kaum brisanter sein können. Fast zeitgleich zur freiheitlichen Medienschelte standen in Niederösterreich drei FPÖ-Funktionäre wegen NS-Wiederbetätigung vor Gericht; zwei von ihnen wurden verurteilt. Diese Koinzidenz wirkte wie eine unfreiwillige Einordnung der politischen Debatte und rief in Erinnerung, warum die FPÖ seit ihrer Gründung als Anziehungspunkt für rechtsextreme Milieus gilt.
Das Erbe der Gründergeneration
Dieser Ruf ist eng mit der personellen DNA der Partei verknüpft. Schon die Gründergeneration legte der FPÖ ein problematisches Fundament aus Antisemitismus, Geschichtsrevisionismus, Deutschnationalismus und Rassismus in die Wiege. Viele der frühen Spitzenfunktionäre verfügten über einschlägige Biografien in der Hitlerjugend (HJ), der SA oder der SS.
Ein Alleinstellungsmerkmal der Distanzlosigkeit
Zwar fanden sich ehemalige Nationalsozialisten nach dem Krieg auch in den Reihen von SPÖ und ÖVP wieder, doch zeigt die Geschichte ein deutliches Gefälle: Vor allem Funktionären der Freiheitlichen fiel und fällt es bis heute schwer, eine eindeutige und glaubwürdige Distanz zum Nationalsozialismus zu wahren. Ein aktuelles Phänomen ist zudem die Strategie der Partei, sich mittlerweile gar als „Schutzpatron“ für belastete Biografien in anderen Lagern zu inszenieren, um die eigene Vergangenheit zu relativieren.
Die dunkle Geburtsstunde: Ein NS-Kader als Gründungsvater
Am 7. April 1956 wurde die FPÖ in Wien gegründet – eine Partei, die von Beginn an tief im nationalsozialistischen Milieu verwurzelt war. Bereits in ihrer Vorläuferorganisation, dem Verband der Unabhängigen (VdU), hatten sich zahlreiche ehemalige Nationalsozialisten gesammelt. Der erste Parteichef, Anton Reinthaller, war kein Mitläufer, sondern ein hochrangiger Systemträger des NS-Staates.
Der Oberösterreicher war bereits seit 1928 Mitglied der NSDAP. Beim „Anschluss“ 1938 agierte er in vorderster Reihe und wurde von Arthur Seyß-Inquart direkt in das provisorische Kabinett berufen. Reinthaller trat der SS bei, stieg bis zum Brigadeführer auf und trug als Landesbauernführer von Niederdonau die Verantwortung für den Einsatz von Zwangsarbeitern. 1942 inspizierte er persönlich das Konzentrationslager Mauthausen.
Vom Kriegsverbrecher zum Parteiobmann
Nach Kriegsende versuchte Reinthaller unterzutauchen, wurde jedoch 1945 von den US-Amerikanern verhaftet. Während er bereits in alliierter Haft saß, wurde er in Österreich 1947 per Steckbrief gesucht und auf einer Kriegsverbrecherliste geführt. 1950 folgte eine Verurteilung wegen Hochverrats, doch bereits 1953 wurde er begnadigt.
Nur drei Jahre später stand er an der Spitze der neugegründeten FPÖ. Wie die Historikerin Margit Reiter in ihrem Werk „Die Ehemaligen“ darlegt, lehnte Reinthaller zwar die Vernichtung der Juden ab, blieb jedoch auch nach 1945 ein Verteidiger von Rassenideologie und Ausgrenzung.
Die Ära der SS-Offiziere
Die personelle Kontinuität riss mit Reinthallers Tod nicht ab. Sein Nachfolger wurde 1958 Friedrich Peter, ein ehemaliger Obersturmführer einer Waffen-SS-Einheit, die hinter der Front in Massenmorde an der jüdischen Bevölkerung verwickelt war. Peter bestritt zeit seines Lebens jede persönliche Beteiligung an diesen Taten.
Neben Peter prägten weitere NS-Kader die frühen Jahre der Partei:
- Herbert Schweiger: Ehemaliges Mitglied der „Leibstandarte SS Adolf Hitler“ und späterer Vordenker der neonazistischen Szene.
- Klaus Mahnert: Einstiger SS-Obersturmbannführer, der später für die FPÖ im Nationalrat saß.
- Karl Kowarik: Ein ehemaliger HJ-Führer und SS-Mann, der es zum FPÖ-Generalsekretär brachte – und parallel dazu als Spion für deutsche und amerikanische Geheimdienste tätig war.
Gewalt gegen die Kirche: Der NS-Mob von 1938
Die Radikalität der frühen FPÖ-Protagonisten zeigte sich bereits vor 1945 in brutaler Gewalt. Karl Kowarik, der spätere FPÖ-Generalsekretär, war am 8. Oktober 1938 aktiv an der Verwüstung des erzbischöflichen Palais in Wien beteiligt. Ein aufgehetzter NS-Mob stürmte das Gebäude, misshandelte Geistliche und warf einen Würdenträger kurzerhand aus dem Fenster.
Dieser Gewaltexzess war die Antwort des Regimes auf die einzige Massenkundgebung gegen den Nationalsozialismus im besetzten Österreich: Tage zuvor hatten sich tausende Jugendliche vor dem Stephansdom versammelt und lautstark gegen die Diktatur protestiert. Kardinal Theodor Innitzer, der den „Anschluss“ zunächst begrüßt hatte, sandte mit seinem Segen ein spätes Signal des Widerstands – zu einem Zeitpunkt, als das Regime bereits katholische Vereine zerschlug und kirchliches Vermögen beschlagnahmte. Die Rache der Nazis war drakonisch: Fünf Jugendliche wurden in Konzentrationslager verschleppt; ein Student verhungerte in Mauthausen, ein weiterer starb kurz nach seiner Entlassung an den Folgen der Haft.
Von der HJ an die Parteispitze
Die personellen Verflechtungen mit der NS-Elite reichten weit in die Geschichte der FPÖ hinein. Auf den ehemaligen SS-Mann Friedrich Peter folgte 1978 Alexander Götz als Parteiobmann – ebenfalls ein ehemaliger hochrangiger Führer der Hitlerjugend (HJ).
Auch der Parteimitgründer und langjährige FPÖ-Vize Otto Scrinzi machte aus seiner Gesinnung nie einen Hehl. Der einstige SA-Sturmführer betonte zeitlebens seine ideologische Kontinuität: „Ich war schon immer rechts, auch innerhalb der NSDAP.“
Profiteure und Täter im Parteidienst
Bis tief in die 1990er-Jahre blieb die FPÖ ein Sammelbecken für Personen mit hochgradig belasteter Vergangenheit:
- Erich Slupetzky: Der ehemalige Linzer HJ-Führer war jahrzehntelang für die Partei aktiv. Seine Familie verdiente ihr Vermögen mit dem Vertrieb von Zyklon B, jenem Giftgas, mit dem in Mauthausen Massenmorde begangen wurden.
- Tobias Portschy: Der ehemalige burgenländische Gauleiter war maßgeblich an der Verfolgung von Juden sowie Roma und Sinti beteiligt. Auch er fand in der FPÖ eine politische Heimat. Nach 1945 wurde er lediglich wegen seiner Mitgliedschaft in SS und NSDAP verurteilt – für seine konkreten Taten zur Rechenschaft gezogen wurde er nie. Reue zeigte er bis zu seinem Tod nicht.
Das Erbe von heute: Der „Volkskanzler“ und die Volksgemeinschaft
Unter der Führung von Herbert Kickl zeigt die FPÖ bis heute kaum Interesse an einer ernsthaften Aufarbeitung ihrer Geschichte. Im Gegenteil: Die Partei setzt verstärkt auf eine Symbolpolitik, die bewusst an dunkle Kapitel erinnert. Ein prominentes Beispiel ist die Bezeichnung Kickls als „Volkskanzler“.
Dabei handelt es sich nicht um eine harmlose Wortneuschöpfung: Der Begriff wurde 1933 von der NS-Propaganda gezielt für Adolf Hitler geprägt und 1941 im Duden sogar explizit als Bezeichnung für ihn geführt. Dass die FPÖ diesen historisch schwer belasteten Begriff trotz dieses Wissens offensiv verwendet, wird von Kritikern als bewusste Provokation und Signal an den rechten Rand gewertet.
Ideologische Traditionslinien im Parteiprogramm
Nicht nur in der Sprache, auch im Programm finden sich deutliche Parallelen zur Vergangenheit. Die FPÖ bekennt sich nach wie vor zur „deutschen Volks-, Sprach- und Kulturgemeinschaft“. Damit greift sie auf ein Denkmuster zurück, das bereits in der Ersten Republik den Kern rechtsradikaler Parteien bildete.
Bereits 1920 wurde im Programm der Großdeutschen Volkspartei (GDVP) das Konzept der „Volksgemeinschaft“ als Abwehrkampf definiert: Es war die Rede vom „Schutz gegen Fremdkörper, die dem Volksorganismus gefährlich sind“ – wobei das Judentum explizit als ein solcher „Fremdkörper“ diffamiert wurde.
Die Konstruktion einer „sauberen“ Ahnenreihe
Die FPÖ reklamiert die GDVP heute offiziell als Teil ihrer politischen Ahnenreihe, um den Vorwurf, eine Nachfolgeorganisation der NSDAP zu sein, von sich zu weisen. Historisch ist diese Trennung jedoch kaum haltbar:
- In den 1930er-Jahren gingen die GDVP und der Landbund faktisch in der österreichischen NSDAP auf.
- Hermann Foppa, der letzte Obmann der Großdeutschen, saß von 1938 bis 1945 für die Nationalsozialisten im Reichstag.
- Zahlreiche Funktionäre wie der ehemalige NS-Gauredner Emil van Tongel fanden später in der FPÖ nahtlos eine neue politische Heimat.
Würdigung trotz Antisemitismus: Das Dinghofer-Symposion
Ein besonders deutliches Zeichen dieser Traditionspflege ist das alljährliche Symposion im Parlament zu Ehren von Franz Dinghofer. Obwohl Dinghofer als deutschnationaler Politiker die Ausrufung der Republik „Deutschösterreich“ 1918 mitgestaltete, war sein politisches Wirken von tiefem Antisemitismus geprägt, was schließlich in seinem Beitritt zur NSDAP mündete. Für die heutige FPÖ-Führung scheinen diese Aspekte seiner Biografie kein Hindernis für eine feierliche Würdigung zu sein.
Strategische Pause und Rückkehr: Die „deutsche Kulturgemeinschaft“
Die Geschichte des FPÖ-Parteiprogramms ist geprägt von taktischen Verschiebungen. Unter Jörg Haider verschwand das explizite Bekenntnis zur „deutschen Volks- und Kulturgemeinschaft“ zeitweise aus den offiziellen Texten. Es wich einem strategisch inszenierten Österreich-Patriotismus, der die Partei für breitere Wählerschichten anschlussfähig machen sollte.
Doch diese Phase der Zurückhaltung endete 2011: Unter maßgeblicher Federführung von Norbert Hofer kehrte die deutschnationale Kernideologie offiziell in das Parteiprogramm zurück. Diese Renaissance der „Volksgemeinschaft“ wurde insbesondere von den deutschnationalen Burschenschaftern begrüßt, die innerhalb der FPÖ bis heute viele der zentralen Schlüsselpositionen besetzen und den ideologischen Kurs der Partei maßgeblich prägen.
Die Einstufung als „rechtsextrem“
Für das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW) ist genau dieses hartnäckige Festhalten an der „deutschen Volks- und Kulturgemeinschaft“ ein entscheidendes Kriterium. In der Zusammenschau mit der personellen Historie und der aktuellen Sprache bildet dieses völkische Bekenntnis die Grundlage für eine klare fachliche Bewertung: Es ist einer der Hauptgründe, warum das DÖW die FPÖ heute als rechtsextrem einstuft.
Der Artikel wurde dem Standard Artikel von Markus Sulzbacher vom
7. April 2026 entlehnt und bearbeitet.
Links für weitere „Vorfälle“:
Die 100 „Einzelfälle“ & Skandale: So extrem ist die FPÖ
Liste rechtsextremer und neonazistischer Vorfälle in der FPÖ – Wikipedia
Die 100 Einzelfälle, seit Herbert Kickl an der FPÖ-Spitze steht – FPÖ – derStandard.at › Inland
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